Wie die kleinen Zwillinge die Familie ernährten

Es war 1948 im Winter und meine Mutter war eifrig dabei, überall Wolle zu hamstern, wo sie nur konnte. Wenn sie zu viele Eier hatte, wurden die getauscht gegen Schafwolle, um uns etwas zu stricken. Die Wolle wärmte ungeheuerlich, doch sie kratzte auch so schrecklich, dass wir allein schon deswegen den Winter verwünschten. Und alle Pullover, die nicht mehr passten wurden aufgeribbelt, um wenigstens noch Socken oder Kniestrümpfe daraus zu zaubern. Ich brauchte dringend einen Wintermantel und meine Mutter entdeckte eine alte Sofadecke, die auf der einen Seite grau, auf der anderen Seite weinrot gefärbt war. Die weinrote Seite sah noch ganz gut aus und so nähte sie mir einen schönen warmen Mantel. Ich war sehr stolz und glücklich.

Meine kleinen Brüder, zu der Zeit fast 5 Jahre alt, bekamen aus Zeltstoff Overalls, so dass sie immerzu auch im Schmutz spielen konnten. Das liebten sie. Die beiden waren unser aller Sonnenschein. Zwillinge, zweieiig. Der eine war struppiblond, der andere hatte goldbraune Locken. Der erstere blaue Augen und ein freches Lachen, der andere sanfte braune Augen , schön wie ein kleiner Engel und sehr lieb. Wenn die beiden Quatsch machten, dann war es immer Struppi, wie wir ihn nannten, der Henner anstifftete. Mein Vater nannte ihn Huckleberry Finn. Und der Jüngere, Henner, folgte Struppi überall hin.

Wir hatten allesamt eine Regel. Wer in die Schule musste, ging natürlich bis mittags dorthin. Dann gab es Essen am Mittag und der Nachmittag nach den Schularbeiten war frei. Wenn wir nachmittags helfen wollten, so fanden unsere Eltern es gut, wenn wir weiter auf unserem Trümmerfeld die Steine sortieren würden, aber unter der Woche war das freiwillig.

Bevor die Sonne unterging mussten alle zu Hause sein.

Darauf konnte sich meine Mutter auch immer verlassen. Und wenn unsere Zwillinge spielten, wo auch immer, durften sie nie alleine etwas unternehmen, sondern mussten immer zusammen bleiben.

Eines Tages kamen sie nicht nach Hause. Es war 5 Uhr am Nachmittag und dämmrig. Meine Mutter wurde unruhig, denn das war ungewöhnlich. Es wurde 6, es wurde 7 Uhr, es wurde 8 Uhr. Nun fing auch mein Vater an, sehr nervös zu werden und sie überlegten jetzt zur Polizei zu gehen. Gegen halb neun zogen sich mein Vater und mein großer Bruder an, um die Straßen abzusuchen. Da hörten wir es vor der Haustüre rumpeln und stöhnen, meine Mutter, in der Hoffnung, dass es die Zwillinge seien, schnappte sich den Teppichklopfer und wartete. Es klingelte und – Gott sei Dank – die Kleinen waren da. Heil und gesund. Im ersten Reflex haute meine Mutter beiden einen auf den Po, ehe sie sie glücklich in die Arme nahm und anfing zu weinen.

Die beiden schauten uns alle an und waren erstaunt über unsere Angst. „Wir waren am Güterbahnhof und haben gearbeitet und etwas verdient“.

Was habt ihr?“

fragte nun mein Vater. Struppi und Henner knöpften ihre Overalls auf und heraus purzelten jede Menge Apfelsinen. So etwas hatten wir noch nie gesehen: Apfelsinen! Sie rollten auf den Boden und es begann zu duften und keiner rührte sich vor Erstaunen. Dann zogen die beiden den ganzen Overall aus und bei Henner hing noch eine letzte Apfelsine an den Hacken.

Nun erzählten die beiden, dass sie immer auf der Mitte der Straße gegangen seien, immer aufgepasst hätten und dann bis zum Bahnhof kamen. Dort hätten sie den Männern beim Auf und Abladen zugeschaut, bis die gefragt hätten, ob sie mithelfen wollten. Da hätten sie sofort „ja ja“ gesagt. Man versprach ihnen, dass sie sich so viele Apfelsinen einstecken dürften wie in ihre Taschen gingen.. „Wir hatten aber nur eine Tasche, da passte noch nicht mal eine Apfelsine rein. Darum haben wir sie alle in den Overall gesteckt. Die Männer fanden das lustig. Wir sind dann nach Hause gegangen. Aber wir konnten doch nicht schneller gehen, weil wir so voll waren mit den ganzen Apfelsinen. Wir sind mindestens 10 Stunden gegangen. Das war anstrengend.“ Und am Schluss fragten sie: „Seid Ihr jetzt stolz auf uns, weil wir auch was verdient haben und nun keiner mehr Hunger haben muss?“ Unsere Eltern lagen sich in den Armen. Was für wunderbare Kinder!

Ende gut, alles gut.

Wir saßen am Fußboden, nahmen die Früchte in die Hand, rochen stundenlang daran, ehe jeder eine essen durfte. Wir waren einfach selig!

Nur meine Mutter war erschüttert, weil ich meine Apfelsine mit Schale gegessen hatte und sie nun Angst bekam, dass ich davon sterben könnte.

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