Wer erinnert die Nachkriegszeit?

Mein erstes Büchlein war ein Kinder-Buch.

Es war die Geschichte von Bobbi und Olli, die sich unsere Kinder ausgedacht hatten. Sie nahmen diese Geschichte in unseren Ferien mit einem Kassettenrekorder auf und schenkten uns das Band nach den Ferien. Darin erzählten sie von ein paar Abenteuern, die sie mit ihrem Hund Fellowlinchen „erlebt“ hatten, den sie nicht in die Ferien mitnehmen durften. Das sollte heißen: wir wollen uns nie wieder von Fellowlinchen trennen. Es ist der schönste, der tollste, der liebste und klügste Hund der Welt und ihr bester Freund. Und er sollte immer bei ihnen sein und bleiben. Auch im Urlaub! Punkt!

Weil ich die Geschichte so toll fand als stolze Mutter, habe ich daraus ein Buch gemacht. Drum war mein erstes Buch ein Kinderbuch. Übrigens sollte Fellowlinchen eigentlich ein Junge sein und Fellow heißen. Die Oma der Kinder hatte aber, trotz großer Erfahrung mit Hunden, einfach nicht darauf geachtet, welches Geschlecht er hatte, sondern nur dieses zauberhafte struppige Etwas gesehen und zu guter Letzt mit nach Hause gebracht. Ihr Auftrag hieß, einen Foxterrier suchen, aber einen Rüden, ihn kaufen und zu uns bringen. Erst als sie ihn noch bei sich für ein paar Tage behalten musste, weil er ein Weihnachtsgeschenk für die Kinder werden sollte, bemerkte sie, dass er nicht, so wie es sich gehörte als kleiner Junge das Beinchen hob, um Pipi zu machen. Er hockte sich einfach hin.

Und das taten eigentlich nur die Mädchen. So kam es, dass aus Fellow ein Fellowlinchen wurde.

Und ich machte ein Buch daraus, weil für unsere kleinen Kinder dieser tolle Foxel fast das schönste Erlebnis ihrer Kindheit war und ich dies unbedingt festhalten wollte. Meine Kinder fanden das ziemlich blöd, weil Aliens und Geister in der Zeit, wo sie nun größer wurden, viel angesagter waren, als die Geschichte um kleine Kinder und einen kleinen Hund. Das traf natürlich nur auf die Geschichte zu, denn in der Wirklichkeit war Fellowlinchen nach wie vor der tollste Hund im ganzen Universum.

Mein zweites Büchlein schrieb ich jetzt erst mit fünfundsiebzig, also fast 40 Jahre später, weil die Zeit gekommen war, wo mein Mann des öfteren anfing meine Hilfe zu brauchen. Das war nicht immer leicht für uns beide, weil wir das erst üben mussten. Und als ich bemerkte, dass wir nach einer Weile anfingen es immer besser miteinander zu schaffen, lieb zu sein, geduldig, lachend, die Situationskomiken zu entdecken, schrieb ich dies auf. Oft sagte mein Mann:

Lies mir mal eine unserer verrückten Geschichten vor, die wir so erlebt haben im Laufe der Wochen.“

Ich las vor und wir beide mussten oft ziemlich viel lachen. Das war eine schöne Zeit, die ich irgendwann anderen Menschen weitererzählen wollte. Und mein Mann fand das auch und die richtigen Worte dazu: „Danke, dass Du mir ein Denkmal setzt!“ Na, so hatte ich es noch nicht gesehen, aber das gefiel mir sehr, dass er es so verstand.

Nun ist auch dies Büchlein geschrieben und ich denke über das letzte nach, welches ich in 2020 noch schreiben wollte. Und das wird auch ein Denkmal sein: für alle, die gegen Ende des Krieges geboren wurden und deren Kinder nie viel darüber gehört haben, wie es uns als Jugendlichen ging, denn wir mussten doch mit vielen Dingen klarkommen, angefangen mit großen Trümmerfeldern, Ratten, Mäusen, Hunger, Armut, Kälte und wenig Zukunftserwartungen.

Der Satz: „Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich mir den Krieg vorstellen muss,“ habe ich jetzt sehr oft gehört, wenn ich erzählte, dass ich nun ein kleines Buch über die Nachkriegszeit schreiben wollte. Und wir konnten damals kaum verstehen, was ein normales Leben in Frieden bedeutete. Ich mache mich jetzt auf und versuche über unsere Kindheit zu schreiben, damit wenigstens meine Enkelkinder ein bisschen mehr wissen, wenn sie unsere Geschichte lesen. Und Ihr alle könnt mir die Daumen drücken, dass ich das noch hinkriege. Vielleicht aber kommt der eine oder andere von Euch auf die Idee, ein wenig aus seinem Nähkästchen zu plaudern, wenn er denn unser Alter hat und erzählen möchte, was er damals erlebt hat.

Zum Beispiel Geschichten von der kratzigen Unterwäsche, wo wir so viel jucken mussten, dass wir Angst hatten, alle würden glauben, wir hätten Läuse.

Dann schickt mir unter dem Titel „Es ist nicht alles Streuselkuchen“ Eure Erlebnisse.

 

 

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