Weihnachtsessen: Damals und heute

Jedes Jahr das selbe: Was findet wo in der Familie zur Weihnachtszeit statt? Wo wird die Weihnachtsgans gegessen oder sollte es etwas anderes sein?

Schon bei der ersten Rundfrage in der Familie kamen die Vorschläge von alle Seiten und da keiner das eine oder andere Essen ohne „ABER“ toll fand, lobte ich doch unseren kreativen Enkel, der mitmischte mit seinen elf Jahren. Er fasste sozusagen einen wunderbaren Kompromiss aus allen Vorschlägen zusammen: „Was haltet Ihr von Sushi mit Knödel?“ Es fand sich leider keine Mehrheit für diesen Vorschlag.

Es ist doch nichts so schwer zu ertragen wie eine Reihe von guten Tagen.“

Dies war immer der Satz meines Vaters zur Weihnachtszeit. Es war auch die Zeit nach dem Kriege, wo jeder sich freute, wenn er sich Fleisch oder Fisch leisten konnte und wo er es genoss mit der Familie wieder zusammen zu sein. Es war die Freude über das kleinste Geschenk riesengroß und jeder, auch wenn er wusste, dass in einem bestimmt geformten Päckchen nur Socken drin waren, jubelte überrascht. Mein Vater mochte es nicht, dass meine Mutter an den drei Feiertagen ständig in der Küche arbeitete, um irgendein Essen zu bereiten. Schließlich hatten wir lange nach dem Krieg noch einen Kohleherd und jedesmal erschien sie mit hochrotem Kopf, weil für das Essen der Herd heiß sein sollte und für ihre Körpertemperatur möglichst viel Kühle benötigt wurde. Also Fenster auf – Fenster zu! Fenster auf – Fenster zu!

In den späteren Jahren nach dem Krieg wurde es schick und modern, wenn man für Heiligabend Kartoffelsalat mit Würstchen oder Frikadellen zubereitete. Das genoss meine Mutter sehr, endlich weniger, viel weniger Arbeit. Unser Vater traf das Christkind, darum wurde das Wohnzimmer zugesperrt, der Baum geschmückt und neugierig hörten wir Geraschel und ähnliches hinter der Tür. Wir Kinder gingen trotzdem brav in unsere Zimmer, räumten sie auf, holten unsere Sonntagskleider raus und machten uns fein für die Kirche. Unsere Mutter war eine Naturschönheit und mit hübscher Kleidung und rosigen Wangen wartete sie schon immer auf uns.

Wir stapften miteinander durch den Schnee. Für mich lag in meiner Kindheit und Jugend immer Schnee auf den Straßen und wir waren froh, in die Kirche zu kommen, wo sich unsere eiskalten Füße wieder ein bisschen erholten. Wir saßen alle miteinander in der zweiten Reihe des Kirchenschiffes, während mein Vater sich in die letzte Reihe setzte. Er hatte Platzangst seit den Kriegstagen und wir fanden es sehr normal, dass er sich die Freiheit nahm, nicht bei meiner Mutter zu sitzen.Wir sahen das Krippenspiel, meine Schwester war der Engel Gabriel und es war für mich immer ergreifend, wenn sie die Arme hochhob und sie mir vorkam wie ein leibhaftiger Engel, der uns segnet, obwohl man beim Heben ihrer Arme immer den Büstenhalter sehen konnte, weil die weit geschnittenen Ärmel hoch rutschten. Am Ende schmetterten wir in tiefster Inbrunst „Oh, Du fröhliche,…“ und beim Rausgehen „Stille Nacht,“ auch wir Kinder hatten Tränen der Freude in den Augen und so schlitterten wir wieder nach Hause.

Es gab Kartoffelsalat mit Würstchen,

mein Vater spielte Klavier, wir sangen, dann ein kleines Gebet und unser Bauch wurde belohnt mit dem leckersten Kartoffelsalat, den ich erinnere. Und keiner sagte: „Habt Ihr nichts interessanteres zu essen.“ Und von da an gab es Heiligabend immer dasselbe und es war wunderbar beruhigend und schenkte uns das Gefühl großer Geborgenheit. Anschließend bekamen wir alle eine dicke Navelapfelsine, die wir lange mit uns herumtrugen. Sie duftete wunderbar und schmeckte so köstlich, dass ich die ganze Schale mit aß.Wir tranken dann Kaffee und Kakao, bekamen noch ein Stück Streuselkuchen, wir sagten unsere Gedichte auf, immer einer von uns Kindern las die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel und wir packten mit hochroten Wangen unsere Geschenke aus. Meist vertiefte sich jeder gleich in ein Buch, denn Bücher waren für meine Eltern, aber auch für uns, sehr wichtig. Unsere Mutter stellte jedem Kind einen Weihnachtsteller mit Butterkeksen, Makronen, Nüsse, noch selbst gesammelte, und leicht runzelige Äpfel, die aber wunderbar schmeckten, an die Seite und für uns war die ganze Welt in Ordnung.

Geld war lange knapp und trotzdem haben unsere Eltern es geschafft, neben dem Tannenbaum Geschenke- gute Kleidung für die Kirchgänge und andere Festtage- festes Schuhzeug- weniger kratzende Strümpfe und Pullover zu kaufen, zu tauschen, anders zu organisieren, zu stricken oder zu nähen, wenn die Zeit noch reichte.

Am 1. Weihnachtstag gab es endlich die Gans und damit es für fünf hungrige Kinder reichte, füllte meine Mutter die Gans mit köstlichem Hack, Brötchen , dicken Rosinen und wunderbar duftenden Gewürzen. Unser Vater spielte immer wieder Weihnachtslieder und wir summte oder sangen mit.

Es war so einfach – damals. Warum ist es nicht heute mindestens genauso einfach?

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