Von Dauerwellen und Beethoven

Tante Gertrude und Amalie waren Anfang der fünfziger Jahre schon etwas ältere Ladies und wollten unbedingt nochmal so im letzten Augenblick wissen, ob sie noch was besseres aus ihrem Typ machen konnten. Während die jüngeren Frauen in dieser Zeit viel arbeiten mussten, es gab noch nicht für jeden eine Waschmaschine, einen elektrischen Herd, geschweige denn eine Geschirrspülmaschine. Die Familien waren noch größer, die meisten hatten drei, vier oder gar fünf Kinder. Oft türmte sich das schmutzige Geschirr und wenn abgespült wurde, standen alle Kinder in der Küche, um Teller und Tassen abzutrocknen und in die Schränke zu räumen.

Tante Gertrude und Amalie hatten den Friseur entdeckt und machten sich auf, die ersten Dauerwellen auszuprobieren. Mit hochroten Köpfen kamen sie aus dem Verschönerungs-Salon und kleine dicke Schnecken klebten an ihrem Kopf. Das war die Dauerwelle. Tagelang liefen sie so durch die Gegend, wagten die Haare nicht wirklich zu kämmen und nachts trugen sie Haarnetze, weil die Lockenpracht nicht zerstört werden durfte. In den nächsten Tagen fingen sie an die Locken ein bisschen auf zu rollen und das sah schon eine Menge besser aus. Nicht mehr ganz so krass wie am Anfang, als noch die Schnecken am Kopf klebten. Doch als dann die Kopfhaut anfing ein bisschen mehr zu jucken, gerieten die einzelnen Schnecken aus der Form und die Kinder fanden, dass dies viel besser aussähe. Die beiden Tanten wurden mutiger und bürsteten die Haare vorsichtig aus und schafften endlich das, was sie wollten:

Ein bisschen mehr Volumen. Fast Engelsgleich!

Und so schwebten sie tagelang durchs Haus. Sie ließen sich auch auf der Straße sehen, weil der Nachbar sie bestaunen sollte. Nur durfte es nicht regnen. Da wussten sie noch nicht genau, ob sich Dauerwelle und Nässe vertragen würden.

Nun stand bevor, dass nach ein paar Wochen die Haare gewaschen werden sollten. Aufwendig mischten sie das Wasser in einer Gießkanne, damit es nicht eiskalt aus dem Hahn auf den Kopf prasseln sollte. Mischbatterie, was war denn das? Das gab es noch nicht.

Ein Aufschrei ging durchs ganze Haus, als Tante Gertrude später nach langer Prozedur kam, um zu zeigen was aus ihrer teuren Haarpracht geworden war. Es gab keine einzige Locke mehr. Der Kopf sah aus wie ein Staubwedel und die Kinder hatten auch kein Herz, ihr das zu verschweigen. Hingegen meinte der Vater mit sonorer Stimme:

Eher wie Beethoven!“

Das war auch nicht besser und so zog sie sich beleidigt ins Badezimmer zurück. Tante Amalie betrat danach den Raum, übersah uns alle miteinander hoheitsvoll und verlangte nach einem Muckefuck. Das war Ersatzkaffee, der hergestellt wurde aus Getreide, wir nannten ihn auch Blümchenkaffee. Sie setzte sich auf die Stuhlkante, nahm die Kaffeetasse entgegen, spreizte den kleinen Finger ab und trank einen ersten Schluck. Der Vater stand auf, lächelte leicht und meinte:

Ich muss wieder arbeiten. Und ehrlich gesagt zweimal Beethoven, das ist zu viel für mich!“

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