Das Glück der vier Jahreszeiten

Es ist unglaublich, wenn in den Auslagen oder auch in den Katalogen bei strahlendem Sonnenschein Ende August, gerade mal eben nach den Sommerferien, die ersten Weihnachtssterne, Spekulatius und Weihnachtsgeschenke angeboten werden. Ich finde es schrecklich und fühle mich gedrängelt, möglichst schnell, damit ich es hinter mich bringe, die „Sache mit den Weihnachtsgeschenken“ zu erledigen. Wo ist die Freude geblieben, wo ist die Zeit des Hineinwachsens in diese schöne meditative Spätherbstzeit?

Die letzten gelben, orangefarben, goldenen Blätter blinken noch in der Sonne, manchmal spürt man schon dieses „Bonjour tristesse“, wenn mal der Regen an den Blättern zaust. Doch noch immer freuen wir uns über die letzten Kastanien, die wir mit Freude sammeln, um sie in unseren Taschen herumkugeln zu lassen. Weil es schön ist, weil es gesund sein soll gegen Gliederreißen und weil ich damit ein Stückchen Kindheit mit mir rum trage.

Wir hier in Europa haben so ein Glück, dass wir noch Jahreszeiten erleben können. Jahreszeiten mit immer neuen Gesichtern. Im Frühling das funkelnagelneue zarte Grün, was über die Landschaft zieht wie eh und je und es ist noch immer wie Frühlingserwachen. Dann kommt der Sommer mit der dicken strahlenden Sonne, wo das Laub oft die Landschaft füllt, dass man denken könnte, der liebe Gott und die Bauern hätten Spinat ausgekippt. Üppigkeit und Paradies. Und dann der Herbst, der den Abschied wieder in sich trägt, um uns an die Hand zu nehmen, schon Mütze und Mantel aus dem Schrank zu holen.

Und noch Augenblicke vorher teilt er die Üppigkeit der Ernte mit uns.

Die Zeichen der einzelnen Jahreszeiten sind nicht mehr so deutlich wie für uns, die wir schon älter als 70 Jahre sind. Das Klima verändert sich doch sehr. Für uns gab es noch den Frühling, wo wir glücklich die ersten Kniestrümpfe anziehen durften, um die verhassten kratzigen langen Strümpfe auszuziehen. Anschließend blieben wir bei den Kniestrümpfen, weil sich das Wetter, milde gestimmt, langsam auf den Sommer einstimmte. Wir erlebten Sommer, wo die Sonne noch nicht so wie heute oft brennt, sondern uns warm, trocken und sanft streichelte. Die Wiesen lagen im satten Grün und waren mit tausenden von Gänseblümchen, Klatschmohn, Kamille und Kornblumen übersät, dann folgte der Herbst, der nach trockenen Blättern roch, nach gerösteten Kartoffeln und wo die Blätter der Bäume zeigten, dass sie mehr konnten als nur grüne Blätter zu sein. Heute fallen sie bei den weißblühenden Kastanien schon halb zerstört im Sommer runter, weil die Miniermotte sich dort breitgemacht hat. Nein, so bunte Herbstzeiten wie früher haben wir heute auch nicht mehr. Doch hin und wieder gibt es noch immer diesen Farbenrausch, wenn der Herbst nicht zu nass ist. Dann kommt der Winter, der heute ein Gemisch aus lau, warm, kalt, trocken und nass ist, und manchmal ein paar Temperatursprünge nach unten macht, fast aus Versehen. Wann gibt es noch Schnee?

Zu unserer Zeit kam der Winter noch mit Eis und Schnee…

…und wir freuten uns, wenn wir am leicht rußigen Ofen saßen und die geliebten Bratäpfel futterten, die unsere Mutter bereitet hatte. Oder wir malten Eisblumen an die Fenster, weil die Scheiben angefroren waren und wir in das Eis Bilder hineinkratzen konnten. Heute sind die Scheiben dicht und sie beschlagen nur noch, wenn sie schlecht isoliert sind. Keine wundersamen Eisbilder mehr in Eis.

Doch einiges ist dennoch geblieben aus Uraltzeiten, denn noch existieren Traditionen, die wir wehmütig pflegen, auch wenn statt des strengen Reformationstages die Geisterfratzen des Halloween durch die Gegend laufen und die Jungen großen Spaß haben am Verkleiden, während die Alten sorgenvoll des Herrn Luther gedenken. „Ein feste Burg ist unser Gott…“.

Depressionen im Herbst… Depressionen im Wandel der Zeiten… Klimawandel… Bonjour tristesse… nein, alles wird wieder gut… und dann kommt Weihnachten! das Fest der Hoffnung! Und der Freude!

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