Samstag ist Badetag

Anfang der 50er Jahre, so erinnere ich mich, badeten wir alle noch in einer langen Badewanne, die aus Zink war und samstags in unserer Küche stand. Unsere unglaubliche Mutter füllte viele Male die Wanne mit Wasser, das sie auf dem Küchenherd erhitzte. Meine Schwester stieg als erste hinein und begann sich zu recken und zu strecken. Ich durfte ihr mit gebührendem Abstand zuschauen, wie sie sich wusch, natürlich nur von hinten. Ihren Busen habe ich in jenen Zeiten nicht sehen dürfen.

Langsam wurde das Wasser kalt …

… und meine Mutter scheuchte Gesa aus der Wanne. Das geschah meist nur mit viel Geschrei, weil Gesa jedesmal meinte, noch nicht genug erwärmt worden zu sein. Dann entstieg sie schließlich der Wanne und warf sich die Tücher um Kopf und Körper. Nun durfte ich mich wieder umdrehen und wartete auf den Moment, wo ich in die Fluten steigen konnte. Dazu brauchte ich natürlich einen neuen Kessel mit heißem Wasser. Der wurde aber schon nicht mehr ganz so voll gefüllt wie der erste Topf. Aber ich genoss es immer wieder aufs neue, wenn ich in die Fluten stieg.

Gesa kam wieder in die Küche und nun begann wie jeden Samstag das Gleiche. Sie trug nun einen weißen Unterrock, der am ganzen Körper eng anlag und alle Rundungen ausfüllte, die ausgefüllt werden mussten. So wollte ich auch eines Tages einmal aussehen. Sie ging zum Spiegel, den sie vom Wasserdampf befreien musste, um etwas sehen zu können. Und dann fing sie mit Akribie an, das Gesicht und das Dekolletee zu durchforsten, um Pickel aufzuspüren.Das sah unerhört gekonnt aus und ich merkte mir das. Allerdings habe ich es nie zu solcher Meisterschaft gebracht wie sie, denn meine Pickel haben sich regelmäßig entzündet. Aber ihre nicht. Das was schon toll. Dann arbeitete sie an ihren Haaren. Sie hatte hübsche hellblonde Locken, die auf ihren Schultern immer ein bisschen golden leuchteten.

Ich war hingerissen.

Immer, wenn ich ihr dabei zuschaute, dachte ich, wie hübsch sie doch sei. Bis auf ihre Nase, die etwas zu stark nach oben schwang, stimmte das wirklich. Sie hatte ganz runde Augenbrauen und ich fand ihre Augen toll, besonders wenn sie die Brille gerade abgezogen hatte. Dann konnte sie kaum etwas erkennen. Doch der Ausdruck ihrer Augen war dann ein bisschen hilflos, fast wie bei Liz Taylor, ihr Mund herzförmig und ihre Zähne schneeweiß. Sie machte sich jeden Samstag zurecht, weil sie dann ausgehen wollte. Und ich nahm es außerordentlich ernst, sie erst gehen zu lassen, wenn es nichts mehr an ihr zu bemäkeln gäbe.

Ich war also die wichtigste Person für sie.

Übrigens kamen nach mir die Zwillinge Struppi und Henner in die Badewanne. Da gab es die meiste Arbeit für meine Mutter. Als Letzter kam mein großer Bruder dran und bei dem durfte dann keiner mehr zuschauen. Auch nicht meine Mutter. Er war nämlich der schönste von allen und brauchte nochmal eine ganze eigene neue Wanne voller Wasser.

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