Noch ein Klassentreffen, oder: Wie mein Lateinlehrer mein Talent im Malen erkannte

Noch eine kleine Geschichte aus unserem Klassenzimmer:

An Herrn Frantzen, unseren Lateinlehrer, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Er war sehr nett, wirklich. Aber da er uns in Latein unterrichtete, war mein Verhältnis zu ihm sehr zwiespältig. Ich war einfach faul beim Vokabeln lernen und ich fand die Sprache im Gegensatz zu Französisch total langweilig. Oft dachte ich an die armen Gelehrten im Mittelalter, die mehr und schneller denken mussten, um einen Satz mit allen Endungen richtig deklinieren und aussprechen zu können.

Es war wieder einer dieser scheußlichen Tage, an denen wir unsere frisch geschriebene Latein-Klassenarbeit zurückbekommen sollten. Ich hatte überall abgeschrieben und war sicher, dass es wieder nur eine 5 werden würde. Nicht lernen, dazu abschreiben und raten, das kann nur einem Genie gelingen.

Herr Frantzen besprach mit uns die Arbeit, während ich, hingebungsvoll wie immer, Portraitzeichnungen von ihm machte. Meine Nachbarin fand die letzte Zeichnung ziemlich gelungen und schickte sie sogleich durch die Klasse. Jeder grinste und gab weiter.

Inzwischen war ich wieder im hier und jetzt angekommen, denn Herr Frantzen besprach nun auch meine Arbeit und meinte sehr sorgenvoll: „Was soll ich nur mit Dir machen?“ Ich guckte hoch interessiert auf das Furnier meines Tisches. Die Klasse wurde still. Sehr still. Und in diese Stille hinein rief Brigitte, ein unserer besseren Schülerinnen: „Ach, Herr Frantzen, die letzten werden noch mal die ersten sein!“

Die Klasse fing an zu lachen, während Herr Frantzen ein Blatt vom Boden aufhob und ich sah, dass es meine Skizze war. Was würde wohl jetzt kommen? In der Klasse war es schon wieder totenstill geworden. Herr Frantzen blickte die Zeichnung an, drehte das Blatt hin und her, schaute wieder von vorne drauf, nahm seinen Füller und unterschrieb das Bild mit seinem Namen.

„Die letzten werden die ersten sein. Nun mach was draus.“

Sprachs, und reichte mir das Blatt mit meiner Zeichnung und seinem Namen drauf. Dann warf er uns die Hefte zu und ging, da es läutete und die Stunde zu Ende war.

Von Stund an hatte er einen viel besseren Stand bei uns und auch ich lernte besser Vokabeln. Allerdings kann ich nicht sagen, dass der Erfolg von langem Durchhalten gekrönt war.

Seid ehrlich, französisch ist doch viel aufregender? Oder?

Brigitte sagte nach der wiedererzählten Geschichte von damals: „Ehrlich, Frantzen war wirklich ein feiner Kerl!“

Und wir riefen alle: „Warst Du mal in ihn verliebt?“

Und sie antwortete: „Ja!“

Bildquelle: Max Pixel

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