Nicht nur Vögel haben Flügel

„Am liebsten wäre ich wie ein Vogel oder Engel davon geflogen, wenn ich als Kind sehr traurig war. Oder ich wollte wenigstens Flügel haben, um das Leben von oben zu sehen, von wo aus alles so viel schöner und ganz klein aussehen musste. Und so aufgeräumt und sauber.“

Dies sagte die Großmutter zu Suse, als diese ganz traurig zu ihr gelaufen kam, weil ihr kleiner Wellensittich einfach von der Stange gefallen und tot war.

„Ach Großmutter, der Jockel war so süß. Ich konnte ihn unter mein Haar stecken und kaufte mit ihm ein. Er saß in meinem Nacken und ich spürte, wie er sich hinein kuschelte und er flog nicht weg. Oder wenn ich ein Bild malte, lief er ständig den Pinsel rauf und runter. Oder er saß auf meinem Kopf und quatschte mit mir. Einmal ist er sogar aus dem offenen Fenster geflogen und ich dachte, ich hätte ihn für immer verloren. Aber nein, er kam zu mir zurück, als ich ihn rief. Oder ich steckte ihn in meinen Pullover und er kletterte wieder nach oben zum Ausschnitt heraus und quietschte vor Vergnügen. Und nun ist alles vorbei?!“

Was willst Du jetzt machen, wo Du so traurig bist?“ fragte die Großmutter.

„Ich möchte ihn wunderschön begraben. Ich werde einen kleinen Kasten bauen und bemalen. Er hat das verdient und noch viel mehr,“ antwortete Suse unter Tränen.

Die Großmutter nahm sie an die Hand und so suchten sie einen kleinen Karton. Der wurde beklebt und bemalt, mit Watte gefüllt und Jockel weich hinein gelegt und am Ende drückte Suse noch ein paar gesammelte Federn zwischen das Papier und meinte: „Schade, dass ich ihn nicht in diesem Kasten fliegen lassen kann.“

Sie suchten einen schönen sonnigen Platz, gruben ein Loch und stellten den Kasten hinein. Eine Weile stand Suse da und noch immer liefen ihr die Tränen über die roten Bäckchen. Dann füllten sie sanft das Loch mit Erde und legten Kieselsteine in Herzform um das Grab.

Jetzt möchte ich auch fliegen können wie Du es als Kind immer wolltest, Großmutter, dann könnte ich seine kleine Seele in den Himmel begleiten.“

„Servus, kleiner Jockel von Suse. Danke, dass Du ihr so viel Freude bereitet hast.“ flüstere die Großmutter leise.

„Das ist eine gute Idee, ich muss ihm auch „danke schön“ sagen. Ach nein, das schreibe ich ihm lieber, sprachs, sprang davon und kam mit Buntstift und Papier zurück.

„Lieber Jockel, fliege gut in den Himmel hinein. Wir würden Dich ja gerne begleiten, aber Großmutter und ich müssen noch ein bisschen auf der Erde bleiben.“ Sie faltete das Papier und steckte es vorsichtig in die Erde. Dann drehte sie sich um, war glücklich, dass sie ihren Jockel so gut verabschiedet hatte und lief neben der Großmutter ganz fröhlich zum Haus zurück.

Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens.
– J.B. Massillon

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