Der illegale Einwanderer

Es war so genial, ohne Verantwortung durch die Welt zu ziehen. Gordon hatte gleich nach Schule und Lehre die Flucht aus Deutschland ergriffen und war in die USA gegangen. Er genoss es so ohne Verantwortung und bindungslos die Freiheit zu spüren.

Er hatte die paar Jahre sehr sparsam zu Hause gelebt, weil er die Welt erobern wollte und dafür wenigstens ein Handgeld brauchte. Überall wollte er sein, nur nicht zu Hause. Warum? Er sagte immer: „Keine Ahnung!“ Und als Deutscher war man seit ein paar Jahren wieder gefragt in der Welt, wenn man bereit war zu arbeiten.

Er erlebte die eiskalten Winter in Chicago, wo er an einer Schule für kurze Zeit als Hausmeister und Mädchen für alles seinen Job machte.

Er genoss den Indian Summer in Neuengland und flog mit Touristen für eine Luftlinie als Übersetzer übers zauberhafte Bunt des Herbstes.

San Francisco und Umgebung hat er mit dem Fahrrad bereist und für die mühseligeren Strecken nahm er den Greyhound übers Land.

Immer Augen und Herz weit offen. Die Bucht in Richtung Alcatratz nahm ihm den Atem.

In Oregon stand er oft am Meer und hatte das Gefühl, im düsteren heftigen Himmel zu ertrinken.

Überall hemmungslos wuchernder Rhododendron, überall sattes Grün, im Osten zivilisierter getrimmt und im Westen meist zügelloser Wildwuchs.

Einige Touren auf dem gemieteten Motorrad durch Arizona, düstere Einsamkeit in Montana. Ein Land wie in blau und grün getaucht.

Und irgendwann fand er eine kleine Tischlerei in Wisconsin, wo er anfing, schwarz zu arbeiten. Das war für ihn mehr als ein Job. Das Holz roch gut und er fühlte das erste mal seit langer Zeit so etwas wie Heimat. Heimat nach deutschen Wäldern, nach Bauernhäusern und Kamin, wo das Holz knisternd brannte.

Eines Tages aber, während er in der Werkstatt ein Brett abhobelte, fast glücklich vor sich hin pfiff, legte sich eine Hand auf seine Schulter und sagte ihm: „Let’s go!“

Es war die Ausländerbehörde. Irgendjemand hatte ihn angezeigt, dass er illegal in der Tischlerei arbeitete.

Man brachte ihn in seine kleine Bude, hieß ihn, seinen Koffer packen, setzte ihn wieder ins Auto und erst, als er im Flugzeug nach Deutschland saß, verließen ihn die Kontrolleure.

Gordon konnte kaum denken und für Stunden saß er erstarrt im Flugzeug, kaum fähig zu überlegen, was danach kommen sollte. Er fühlte sich wie ein Verlierer und so verloren.

„Ich weiß nicht, wer ich bin, ich weiß nicht, was ich will, ich kann doch so nicht nach Hause kommen. Ohne Geld und nicht als Sieger!“

Selbst als er übernächtigt in Frankfurt aus dem Flugzeug stieg, blieb er an jedem Zeitungsstand unschlüssig stehen und hoffte, ein Wunder, ein Engel würde ihm einen Weg zeigen.

Ohne genauer nachzudenken, stieg er später in den Zug nach Kassel – nach Hause, noch immer völlig neben sich und eingekastelt in seinen Gedanken.

Der Zug hielt in Wilhelmshöhe, er stieg aus, nahm den kleinen Koffer in die Hand und schritt zögernd auf den Ausgang zu. Er ging zur Straßenbahn, doch er stieg nicht ein. Er lief die Strasse weiter. Dann drehte er sich um. Er sah den Herkules aus dem Wald ragen.

Er setzte sich auf seinen Koffer, schaute immer wieder zum Habichtswald. Und dann endlich konnte er weinen. Und es schien ihm fast, als weine er vor Glück.

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