Das traurige Schicksal des zahmen Spatzen

Der Krieg war vorbei als ich vier Jahre alt war und wir lebten noch auf dem Lande. Es war eine glückliche Zeit, denn es gab viele Wiesen auf denen man Spielen konnte, wir durften laut sein, ich wollte immerzu singen, kein Auto, was uns hätte anfahren können auf den Straßen und die Welt fing vorsichtig an sich zu erholen.

Wir Kinder hatten viel Fantasie, um Spiele zu erfinden und ich nervte immerzu meinen großen Bruder, er möge mir Flügel bauen wie die Vögel sie hätten. Dann könnte ich fliegen und würde nie wieder traurig sein. Ich war sehr oft traurig und wusste nicht warum. Und meinen Geschwistern ging das ziemlich auf die Nerven, denn ich heulte sehr oft und sie hassten es in mein Drama-verzogenes Gesicht zu schauen.

Eines Tages fing ich einen kleinen Spatzen. Er kam so nah zu mir, als lade er sich ein, um in meinen Händen zu kuscheln. Ich griff unvorsichtig nach ihm, weil ich dachte, er fliegt sowie so weg. Doch – er ließ sich greifen. Die Federn waren ganz glatt und sein Herzchen bumberte. Ich konnte es fühlen und war total glücklich.

„Du musst mir zeigen wie man fliegen kann,“ flüstere ich ihm zu. „Mein Bruder will mir einfach keine Flügel bauen. Ich glaube fast, er kann das nicht.“

Ich steckte den Kleinen in meine Schürzentasche und legte sanft eine Hand über den Spatzen.

Auf dem Weg nach Hause begegnete mir Bauer Lange. „Na, was hast Du denn da in Deiner Schürzentasche? fragte er. „Einen kleinen Spatz,“ antwortete ich ihm. „Was möchtest Du denn mit dem?“ „Er soll mir zeigen wie man fliegen kann.“ – „Und Du meinst, das zeigt er Dir?“ Ich zuckte mit der Schulter. Daraufhin meinte Bauer Lange: „Gib ihn mir mal. Ich will Dir zeigen wie er fliegen kann.“ Zögernd reichte ich ihm den Kleinen. Bauer Lange schaute ihn an, drehte ihm den Hals um, warf ihn auf den Misthaufen im Hof und sagte: „Siehst Du, nun ist er geflogen und jetzt kann er es nicht mehr.“ Sprach’s und ließ mich stehen.

Ich war so erschrocken und verzweifelt, weil ich meinen kleinen Spatzen nicht hatte schützen können und lief laut schreiend nach Hause.

Meinem Vater erzählte ich schluchzend was Bauer Lange getan hatte und mein Vater streichelte mich tröstend. „Es ist schlimm, dass er das getan hat. Und dazu noch vor Deinen Augen. Doch die Bauern jagen hier überall die Spatzen, weil sie die frisch ausgebrachte Saat auf picken und die Bauern sind darum so sauer auf die Spatzen.“ – „Kann man das denn nicht anders machen? Muss man denn die niedlichen Spatzen tot machen? Die haben doch auch Hunger.“

Und so kam es, dass mein Vater und ich anfingen, viele Vogelscheuchen zu bauen. Und die würden wir auf alle Felder stellen. Wir bauten und bauten… und bauten. Nie wieder sollte es mir passieren, dass ein kleiner Spatz unter meinem Schutz sein Leben lassen sollte. Und darum bauen wir noch heute…

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