Jedes Böhnchen ein Tönchen

Hier geht die Geschichte der zwei Fremden weiter, die man 1943 zu uns nach Hause brachte (Teil 1).

Ein zweiter Fremder wurde zu uns geschickt und das war Frans, der aus Belgien kam. Auch er sollte in der Werkstatt helfen. Beim Bauern hatte er schon zur Probe die Kartoffelfelder abgelesen nach Kartoffeln, die liegen geblieben waren.

Nun kam er, genauso wie Henri abends zu uns, um mit uns das Abendessen zu genießen.

Er sah lustig aus. Sein ganzes Gesicht war voller Sommersprossen und sein rotes Haar stand ab wie ein Besen, der aus Ästen zusammen gebunden ist. Als er des Abends das erste mal bei uns eintrat, grüßte er sehr schüchtern und machte ganz viele kleine Verbeugungen. Dann ging er zu unserer Mutter, sagte „Madame“ und zog ihre Hände an seine Lippen. „Das ist ein Handkuss,“ erklärte mir meine Schwester. Ich fragte, warum er das täte und ihre Antwort war. „Das macht man so.“ – „Und warum hat Henri das nicht gemacht?“ – „Weil er nicht so gut erzogen ist.“ – „Aha!“

Frans setzte sich hin, um aber gleich darauf wieder aufzustehen und zu fragen:

Wo ist La Cack, bitte schön?“

Und meine Mutter war nun vorgewarnt. Sie schickte ihn zusammen mit meinem großen Bruder aufs Plumpsklo, denn das war ihre Vermutung und weil sie fürchtete, wie sie sagte, er könne sich die Hose endgültig in unserer Küche runter ziehen.

Sie hatte natürlich recht. Mein Bruder und Frans kamen nach einer langen Weile zurück. Mein Bruder erzählte, dass Frans sich sehr gewehrt habe, als er in das Klo gehen sollte. „Ick nix schlecht,“ habe er immer wieder gesagt, bis mein Bruder angefangen habe zu singen. Dann ist er beruhigt hinter die Tür gegangen, um sein Geschäft zu verrichten.

Meine Mutter lachte und fragte, „Was hast Du denn gesungen?“ Und er antwortete: „Mir fiel nur ein Kirchenlied ein. Ich habe ‚Großer Gott, wir loben Dich‘ gesungen. Da hat er ein Kreuz geschlagen und ging ins Plumpsklo ohne Gezeter. Und hinterher hat er sehr entspannt gelächelt und mir auf die Schulter geklopft.“

Unser Abendessen war immer eine Mischung aus allem, was wir gerade während des Krieges an Lebensmitteln bekommen konnten. Und da wir auf dem Lande wohnten, gab es viel Gemüse, Salat und Eier. Meine Mutter legte immer großen Wert darauf, dass das Essen fein auf dem Tisch dekoriert war. Sie liebte das Kochen und wir alle erlebten sie oft, wie sie zum Beispiel das frische Gemüse, was ihr Bauer Lange vorbeibrachte , begrüßte: „Ach, das sind ja wunderbare Kartöffelchen“ oder

Die Rosenköhlchen sind aber fein gepflückt.“

Wir alle saßen nun am Tisch und mein Vater sprach ein Tischgebet. „Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was Du uns beschehret hast.“ Und dann folgte jeden Abend ein anderer Satz dahinter, so dass wir meist dadurch wussten, wie sein Tag gewesen war. Wie zum Beispiel: „Und ich danke Dir, dass Du Schorschi die Kraft gegeben hast, den Lastwagen mal etwas schneller abzuladen.“ Am ersten Abend mit den beiden sagte er allerdings nur „Wofür wir Dir von Herzen danken. Amen.“

Erst durften sich die Erwachsen das Essen nehmen, dann wir Kinder. Henri nahm sich ein Kartöffelchen und beäugte es etwas misstrauisch, während Frans herzhaft danach griff und immer „Kartöffelchen“ sprach. Und jedes einzelne Kartöffelchen, welches auf seinem Teller landete, wurde so begrüßt. Und das waren sehr viele.

Henri war meist ziemlich still. Er konnte ja auch nur ganz wenig deutsch, während Frans oft etwas sagte, was wir nicht verstanden. Aber er versuchte es wenigstens und lernte dabei ziemlich schnell. Und auf die Art und Weise, wie er täglich das Essen auf seinem Teller begrüßte wie die „Kartöffelchen“, hatte er bald sämtliche Gemüsesorten, die unsere Mutter benannte, irgendwie in seinem Kopf. „Blomenköhlchen“ zum Beispiel. Wenn es Bohnen gab, sprach meine Mutter immer den Satz:

Jedes Böhnchen ein Tönchen“

und Frans sagte es nach ohne den Sinn zu verstehen und wir alle lachten so laut, dass er fragte: „Fals?“. Ich nahm eine Bohne in die Hand, sprang auf und drehte meinen Po in seine Richtung und sagte: „Böhnchen macht Pupspups.“ Leider verstand er es nicht so wie ich wollte und seit dem ist es das Böhnchen Pupspups. Irgendwann wird er es schon verstehen.

– Fortsetzung folgt –

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