Eine Bank für die Erinnerung

Die Geschichte „Am Ende der Welt“ ist nun fast vorbei, dies ist der vorletzte Teil. Hier geht es zum Anfang.

Das Ende der Welt hatte wir nun schon kennengelernt und es hatte uns nicht gefallen… und noch viel weiter liefen wir jetzt. Da kann es nur über die Erde zum Himmel gehen. Wir dachten über Leben und Tod nach und wir empfanden dabei viel Heiterkeit. Wir liefen über Friedhöfe und erfreuten uns vieler großartiger Gedenkstätten. Wir fragten uns, ob wir darunter liegen wollten. Manchmal ja, manchmal nein. Gibt es Engel – wo sind die Geister – wollen wir Gemütlichkeit – oder soll unser Grab streng und einsam sein. Wir fragten nach Gott und kamen wieder zum Leben. Und das schöne war, dass wir immer heiterer wurden. Es ist gut, eine Wahl zu haben.

Einer unserer Kinder meinte, es würde besser zu uns passen, wenn wir uns eine Bank irgendwo in der Stadt kaufen würden. Darauf könnten wir unsere Namen setzen und später würden sie, unsere Kinder, mit den Enkeln drauf rum lümmeln oder später Liebeslieder singen.

Guter Gedanke. Schöner Gedanke. Wunderbarer Gedanke!

Ich erkundigte mich bei der Stadt, ob es so etwas gäbe. „Im Augenblick haben wir keine solche Aktion geplant.“ – „Und wann haben Sie so eine Aktion geplant?“ – „Das fragen Sie mich doch nicht ernsthaft oder?“ – „Doch, wir müssen doch auch planen – wieso Sie nicht?“ – „Grummel, grummel,“ sagte er und legte auf.

Also keine Bank.

Es gab 7 Friedhöfe in unserer Stadt. Also noch jede Menge Laufarbeit. Über Friedwälder hatten wir auch schon nachgedacht. doch das war nichts für uns. Vor allem nicht, wenn wir Anhöhen rauf steigen müssten, würden wir den Baum nicht mehr besuchen können. Mit 100 schafft man das nicht mehr so ganz. Mein Mann wollte unbedingt so alt werden. Also blieben wir auf dem Boden und suchten weiter.

Zwischen rein machten wir mit Hilfe des Internets und unseres Arztes unsere Patientenverfügung. Auch das war so befriedigend für uns, weil es uns ja im Augenblick so gut ging, dass man mutig Dinge entscheiden konnte, die eigentlich nicht so ganz einfach waren. Zum Beispiel: Geht man noch in ein Krankenhaus, wenn es auf das Ende zugeht – wann stellt man Apparaturen ab – wer könnte auch zu Hause pflegen?

Da es uns so weit weg schien, dass es uns mal so schlecht gehen könnte, war es gar nicht so schwer, Entscheidungen zu fällen.

Unsere Tour über die Friedhöfe der Stadt setzten wir fort. Es gab so wunderbar gepflegte Gräber, es gab verlassene Gräber, Geschichten, die wir auf Grabsteinen lasen oder die uns anregten, die richtige Geschichte zu einem Grab zu erfinden.

Es war nicht Karneval – es war nicht Halloween – aber wir sahen doch eines Tages einen Geist von einem Baum über den Friedhof springen, dann rennen und anschließend scheinbar in einem Berg von Blättern verschwinden. Wir waren auf einem kleinen gemütlichen Friedhof. Alles sah so harmlos aus. Wir sahen „es“ beide und liefen dort hin. Da war nichts und dennoch bewegte sich die Blättermenge, die am Boden aufgehäuft war nicht nur wegen des Windes, der sanft über die Wege strich. „Ein Kaninchen?“ – „Ein Kaninchen steigt doch nicht auf den Baum und fällt dann runter und rennt dann wie eine Maus flott davon.“

Vorsichtig nahm ich den Stock meines Mannes und machte mich darauf gefasst, dass eine weiße Ratte unter den Blättern saß, denn dass es weiß war, hatten wir beide gesehen. Da war nichts. Wir schüttelten uns leicht verwirrt, aber wir waren nicht ängstlich.

„Das hat etwas zu bedeuten. Was immer auch,“ murmelte ich und fing an mir das Umfeld anzusehen. Es war schön hier und ein paar nicht zu riesiger Bäume beschützten diese Fläche mit den vielen Urnengräbern.

„Schau mal,“ sagte mein Mann,“Hier könnte unsere Bank stehen und daneben liegt das Grab.“ – „He, das hat wirklich was zu bedeuten. Ich habe genau das gleiche gedacht wie Du.“

Wir marschierten völlig einig zum Friedhofsbüro und nach kurzer Besichtigung der Urnenstelle war es abgemacht, dass dies unser Platz werden würde. Und die Bank durften wir auch hinstellen. Es war so ein Glücksgefühl in uns beiden, dass wohl jeder meinen müsste, wir seien nicht bei Troste.

Nur welchen Geist hatten wir gesehen? Keine Antwort.

Tage später erzählten wir unserer Freundin, die gerade umgezogen war, wo wir einen Platz gefunden hätten, wo wir gerne für immer schlafen wollten. Sie fragte drei mal „WO!“, und dann: „Genau auf der anderen Seite der Friedhofsmauern ist meine neue Wohnung!“ – „Wirklich?“ – „Ja!“ – „Na, prima, dann haben wir gleich noch jemanden, der unsere Schlafstelle besuchen kann.“

Als wir später die Straße, die den Friedhof umgab, ansahen, stellten wir fest, dass der Bus, der vor dem Friedhof hielt, genau vor unserer Haustür startete.

War es nun ein Engel? Ein Geist? Ein weißes Kaninchen, das uns geführt hatte?

– Fortsetzung folgt –

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